Thomas Voigt
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Re-Animationen
In memoriam Carlos Kleiber (1930 – 2004)

Wenn er dirigierte, klang Altvertrautes und total Verbrauchtes so frisch, als würde man es zum ersten Mal hören. Jemandem verständlich zu machen, was denn das Besondere an Carlos Kleiber gewesen sein soll, ist denkbar einfach: Man muss nur aus seinem begrenzen Platten-Repertoire die Stücke herausgreifen, die im Opern- und Konzertbetrieb zu Tode gespielt wurden – und sie dann mit irgendeiner anderen Version vergleichen. Ob Beethovens Fünfte, Brahms’ Vierte, „Freischütz“ oder „Fledermaus“ – alles, im wahrsten Sinne des Wortes, Re-Animationen. Wie durch ein Wunder klingt es wieder aufregend, lebendig, beseelt. Über seinen „Tristan“, den aufregendsten seit Furtwängler und de Sabata, schrieb : „drei Stunden, 54 Minuten, 43 Sekunden, die die Leute verrückt machen“.

Mein erstes prägendes Kleiber-Erlebnis war die Fernseh-Übertragung des „“ aus der Bayerischen Staatsoper. Die Besetzung war unausgeglichen (leider hatte das hinreißende Duo Fassbaender-Popp keine adäquate Marschallin), doch was sich im Orchester abspielte, war schlichtweg eine Offenbarung. Unvergeßlich ist mir die Orchesterpassage, die dem Duett „Mit Ihren Augen voll Tränen“ vorangeht: Diese Rubatokunst, dieses Vorwärtsdrängen und Zurücknehmen hat mich für alle anderen Aufnahmen verdorben – bis auf eine: die klassische Decca-Aufnahme von 1954 unter Erich Kleiber. Überhaupt gibt es Temporückungen bei Strauss, Richard und Strauß, Johann, die man nirgendwo schöner hört als bei den Kleibers – ein weiteres Indiz dafür, was Wolfram Goertz in seinem Kleiber-Nachruf in der „Zeit“ als „überlebenslange Aufsicht“ des Vaters beschrieb?
Wie viele geniale Künstler litt Carlos Kleiber an einem destruktiven Minderwertigkeitskomplex. Aufschlussreich ist eine Passage in den Memoiren von Walter Erich („Papa“) Schäfer, der den 36jährigen 1966 nach Stuttgart holte: „Er war überzeugt, dass alles, was er leistete, nur ein Abklatsch seines großen Vaters sei. Ich habe das nie geglaubt und glaube es heute weniger denn je. Solche Höhen erreicht Abklatsch nicht“.

Jahrzehnte später, als man ihm den Furtwängler-Preis verleihen wollte, lehnte Carlos Kleiber gegenüber der Witwe des legendären Dirigenten mit den Worten ab: „Ich danke für die große Ehre, aber ich bin diesen Preis nicht wert.“ Weder standing ovations noch hymnische Kritiken konnten ihn von seinen Selbstzweifeln befreien, im Gegenteil: Je berühmter er wurde, desto stärker wurden sie. In Potsdam, Düsseldorf und Zürich, wo er seine ersten Jahre als Kapellmeister verbracht hatte, war alles glatt gelaufen. Mit den ersten Aufführungen in Stuttgart aber begann sein Weltruhm – und damit auch jene Serie von Krächen, Querelen, Absagen und „Launen“, die der Presse reichlich Stoff gaben, um das Bild des „Schwierigen“ in allen Varianten zu zeichnen: Kleiber, die Mimose, der notorische Verweigerer, der geniale Querkopf.

Dass er keine Interviews gab und sich mit steigendem Erfolgsdruck immer mehr aus dem Musikleben zurückzog, wurde ihm auch als geschickte Selbstdarstellung und –vermarktung ausgelegt. Doch wahrscheinlich ist dem wahren Grund für Kleibers Rückzug auf Raten unbewusst viel näher gekommen, als er sagte: „Kleiber dirigiert nur, wenn seine Tiefkühltruhe leer ist“. Offenbar waren die Zweifel und Ängste so stark, dass nur finanzielle Notwendigkeit ihn dazu bringen konnte, wieder ans Pult zu gehen.

Wenn er dann wieder dirigierte, wurden seine Aufführungen bejubelt wie Oasen in der Wüste. Mit Recht. Denn man merkte sofort, wie sehr man sich schon mit dem arrangiert hatte, was im Grunde Mittelmaß war, wie sehr man sich schon gewöhnt hatte an Orchester und Dirigenten, die „perfekt funktionierten“. Wenn Kleiber kam, wurde einem bewusst, dass klassische Musik kein Luxus ist, sondern das tägliche Seelenbrot. Um so härter waren die Entzugserscheinungen, wenn er wieder verschwand.

Seine Hinterlassenschaft ist überschaubar: Beethovens Vierte, Fünfte, Sechste und Siebte; Schuberts Dritte, „Unvollendete“ und Wanderer-Fantasie; die Vierte von Brahms und Dvoraks Klavierkonzert; „Freischütz“, „Tristan“ und „Traviata“, das Neujahrskonzert von 1989 und „Die Fledermaus“, dazu Mitschnitte von „Otello“, „Bohéme“, „“, „“ und „Tristan“ (Wien 1973, 1974). Für einen Dirigenten seines Kalibers ist das wenig. Doch wenn man bedenkt, was diese Aufnahmen weltweit bewirkt haben und bewirken werden, ist es unermesslich viel.

(C) , veröffentlicht in: Crescendo 2004