Thomas Voigt
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Marilyn Horne Liederabend 1992

Repertoire  Rossini

Pianist  Martin Katz

Recorded  Schwetzinger Schloss, 25.4.1992

Released  2013

CD  hänssler classic

“La piu grande Rossini cantante del mondo”

Glückliches Gelsenkirchen! Drei Spielzeiten hatten sie Marilyn Horne im Ensemble und zwar mit Partien, die sie später nie wieder sang. Ob man damals schon etwas von dem einmaligen Potenzial dieser Stimme ahnte? Dass sie überdurchschnittlich begabt war, fiel jedenfalls auf. „Die kleine Dicke wird was sein!“, teilte man nach dem ersten Vorsingen in Deutschland ihrem Agenten mit. Wie so viele amerikanische Sänger war auch Marilyn nach Europa geschickt worden, um ihr Opern-Handwerk zu lernen. Doch in ihrem Fall war der Wechsel besonders krass: Vom sonnigen Kalifornien in den tiefsten Kohlenpott! So wurden die drei Spielzeiten in Gelsenkirchen wahre Galeerenjahre. Damals rauchte der Pott noch aus allen Rohren, und Marilyn Horne schleppte sich von einer Sinucitis zur nächsten. Dennoch bewältigte sie ein Repertoire, für das ihre Stimme eigentlich nicht gemacht war: Mimi in La Bohéme, Giulietta in Hoffmanns Erzählungen, die Titelrolle in Das Mädchen aus dem Goldenen Westen, Amelia in Simon Boccanegra, Tatjana in Eugen Onegin. Was gäben wir heute darum, sie in diesen Aufführungen hören zu können! Immerhin gab es in jenen Jahren schon an einigen Theatern die technischen Voraussetzungen, Vorstellungen für hausinterne Zwecke mitzuschneiden; doch leider ist bis heute kein Marilyn-Horne-Dokument aus Gelsenkirchen aufgetaucht. Immerhin ist die Wozzeck-Marie, mit der sie das neue Opernhauses der Stadt, das Musiktheater im Revier, in der Spielzeit 1959/60 eröffnete, aus späteren Aufführungen in London und den USA erhalten. Und da kann man einmal mehr staunen, was diese Stimme alles gekonnt hat.

Wie war es möglich, dass eine Sängerin, die vor allem als Virtuosin Operngeschichte machte, ein Repertoire von Bach bis Berg beherrschte? Neben Begabung und Instinkt war es sicher auch der glückliche Umstand, dass Singen ihr sehr früh zur zweiten Natur wurde, durch Unterricht bei ihrem Vater und durch Dauereinsatz in Chören. Schon als Teenager verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Background-Sängerin in Filmproduktionen. Und da sie gut andere Stimmen nachahmen konnte, war sie bald auch sehr gefragt bei jenen „Piraten“, die Imitate aktueller Pop-Hits wie „Lover“ mit Peggy Lee auf Platten herausbrachten. „The Pirate Queen meets Lotte Lehmann“, lautet ein besonderes Kapitel der erfrischend offenherzigen und ehrlichen Erinnerungen von Marilyn Horne. Zwar waren Lehmanns Masterclasses in Santa Barbara für sie kein ungetrübtes Vergnügen, doch durch immensen Fleiß gewann sie schließlich den Respekt der großen Sängerin. Und die Nähe zu Hollywood brachte ihr den ersten Durchbruch: 1954, im Alter von 20 Jahren, wurde sie als Vocal Double für Dorothy Dandridge in Carmen Jones engagiert. Einen ersten Einblick ins Wunderland des Belcanto bekam sie im Frühjahr 1956, als sie mit der Los Angeles Guild Opera unter der Leitung von Carl Ebert die Titelrolle in Rossini La Cenerentola sang. Es folgten besagte Galeerenjahre im Ruhrpott, die Heirat mit dem Dirigenten Henry Lewis und ihr triumphales USA-„Comeback“ mit der Wozzeck-Marie in San Francisco im Herbst 1960.

Die große berufliche Wende kam ein halbes Jahr später, mit einer konzertanten Aufführung von Bellinis Beatrice di Tenda in der New Yorker Town Hall, bei der sie an Stelle der ursprünglich vorgesehenen Giulietta Simionato die Mezzopartie der Agnese sang. Es war dies das fieberhaft erwartete USA-Debüt von Joan Sutherland, entsprechend groß war das Echo in der Presse. Noch wichtiger war die Begegnung mit Richard Bonynge, dem Mentor und Ehemann der Sutherland. Er war überzeugt davon, in Marilyn Horne den idealen Mezzosopran für das verzierte Repertoire des Barock und Belcanto gefunden zu haben und überzeugte sie davon, sich auf dieses Fach zu konzentrieren. Sein immenses Wissen über Stil und Aufführungspraxis dieser Werke legten die Grundlage für die Karriere der Belcanto-Virtuosin Horne. Als nächste Aufführungen mit Sutherland folgten Bellinis Norma in Vancouver (1963) und Rossinis Semiramide in der New Yorker Carnegie Hall (1964). Der Rest ist Operngeschichte: Sutherland und Horne begründeten eine neue Ära des virtuosen Gesangs. John Steane, einer der führenden Musikjournalisten auf diesem Gebiet, bezeichnete die Partnerschaft der beiden als „brillanteste der Schallplattengeschichte“ und die gemeinsame Aufnahme von Rossinis Semiramide als „Vollendung der Tradition“.

Spätestens seit Ende der 1960er Jahre stand die Musik Gioacchino Rossinis bei Marilyn Horne im Zentrum ihres Schaffens. Ob in Hosenrollen wie Neocle (L’assedio di Corinto), Arsace (Semiramide) und Malcolm (La Donna di Lago), als Komödiantin (Il Barbiere di Siviglia, L’Italiana in Algeri) oder als Lied-Sängerin – bei Rossini war Marilyn Horne ganz in ihrem Element und eine Klasse für sich. „La piu grande Rossini cantante del mondo“ (die größte Rossini-Sängerin der Welt) befand die „Fondazione Rossini“ in Pesaro, wo sie jahrelang als Hauptattraktion des Festivals gefeiert wurde. Die vokale Virtuosität und dramatische Expressivität, die sie in ihren Studio- und Live-Aufnahmen bietet, scheint die Grenze dessen zu streifen, was dem menschlichen Körper möglich ist. Ein besonders markantes Beispiel ist die „Canzonetta spagnuola“ (Track 12).

Das vorliegende Rossini-Programm, das sie mit ihrem langjährigen Klavierpartner Martin Katz präsentierte, war Marilyn Hornes Beitrag zum 200. Geburtstag des Komponisten. Sie war damals 58 und festigte einmal mehr ihren Ruf als führende Sängerin in diesem Repertoire. Ein Jahr zuvor hatte ich sie kennen gelernt, bei der Aufnahme von Verdis Falstaff unter Colin Davis. Ihr volltönendes „Reveranza!“ klingt mir heute noch im Ohr, ebenso ihr herzhaftes Lachen im anschließenden Interview. Ein späteres Interview mit ihr und Montserrat Caballé war über weite Strecken ein wunderbares Lach-Duett. „Du musst den Menschen vom Künstler trennen“, heißt es in Richard Strauss’ Capriccio. Und der Meinung sind auch viele Journalisten. Doch meist wird diese Regel zitiert, wenn der Mensch nicht den Vorstellungen und Erwartungen zu entsprechen scheint, die man sich aufgrund seines Künstlertums gemacht hat. Wer Marilyn Horne in Interviews oder bei Meisterklassen erlebt hat, wird festgestellt haben, dass bei ihr Künstlertum und Menschlichkeit nicht zu trennen sind. Vielmehr scheint sie eine andere Regel zu bestätigen: Dass nur ein Mensch, der mit sich selbst und seiner Umwelt im Reinen ist, alle Dimensionen des Singens ausschöpfen kann.

Thomas Voigt  © 2012