Thomas Voigt
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Hermann Prey BR Recordings

Repertoire  Die , Le Nozze Figaro, Così fan tutte, Il Barbiere Siviglia, Der Wildschütz, La Traviata, Un Ballo in Maschera, I Pagliacci, Faust, Annie get your gun, Weihnachtsoratorium. Beethoven-Lieder

Conductors; Pianist  Argeo Quadri, Heinz Wallberg, Heinz Fricke, Kurt Eichhorn, Roberto Abbado; Wolfgang Sawallisch

Radio & Live Recordings  1966-1992

Liner Notes 

CD  BR Klassik

„Ein EU-Sänger!“ – Hermann Prey in München

Gibt es so etwas wie Synästhesie in der Oper? Hin und wieder kommt es ja vor, dass (Bühnen-) Bilder und Klänge sich derart verbinden, dass sie auch Jahrzehnte später noch als untrennbares Ganzes wahrgenommen werden. Wie im Fall der legendären Zauberflöten-Bilder von Marc Chagall und der Verkörperung des Papageno durch Hermann Prey. 45 Jahre sind seit dieser ersten Zauberflöte im Neubau der Metropolitan Opera vergangen, und noch immer meint man bei Aufnahmen von Preys Papageno Chagalls Bilder zu sehen – und umgekehrt.

Prey zählte diese Zauberflöte zu den zentralen Aufführungen seines Lebens, nicht nur wegen des großen Erfolges bei Presse und Publikum, sondern vor allem wegen der künstlerischen Übereinstimmung mit dem Produktions-Team Chagall-Rennert-Krips. „Viele sehen den Papageno als eine Art gefiederten Kasperle“, schrieb Prey in seinen Memoiren, „Ich nicht. Ganz im Sinne Chagalls empfinde ich den Vogelfänger als ein Fabelwesen. Wie Peter Pan. Oder Puck… Mit Josef Krips verstand ich mich, gerade was die Rollenauffassung anging, glänzend. Die Arie ‚Ein Mädchen oder Weibchen’ sang ich in New York ganz piano, wie ein einfaches Lied. Daraufhin brach ein Orkan des Applauses los, einer der größten meines Lebens.“

Die vorliegende Münchner Aufnahme von Papagenos Arie, die ein Jahr vor der Met-Aufführung entstand, zeigt deutlich, was Prey wollte: Weg von der Comic-Figur, hin zu mehr Schlichtheit und Menschlichkeit. Und kein Wienerisch! Er hätte es wohl erfolgreich nachahmen können, doch wusste er sehr gut, dass er als gebürtiger Berliner die Authentizität solch waschechter Wiener wie Erich Kunz und Walter Berry nicht hätte erreichen können.

Auch sein stürmischer Auftritt als Figaro in Rossinis Barbiere assoziiert Bilder, die sich im Gedächtnis eines jeden Opernfans eingebrannt haben. Nur sind es diesmal schwarzweiße und farbige Fernseh-Bilder, die sich in der Erinnerung überlagern: Der TV-Mitschnitt von der deutschsprachigen Aufführung aus dem Cuvilliéstheater (Weihnachten 1959, neben Fritz Wunderlich und Erika Köth) sowie der Film von Jean-Pierre Ponnelles aus dem Jahr 1972 (mit Luigi Alva und Teresa Berganza). In den 13 Jahren, die zwischen den beiden Produktionen liegen, hatte sich das Opernleben in Europa radikal verändert: Die von Herbert von Karajan initiierte Internationalisierung hatte zur allmählichen Auflösung hauseigener Ensembles und zur Abschaffung von Übersetzungen geführt. Diese Umstellung lief Hand in Hand mit den Medien. Prey, der noch 1965 in Berlin einen kompletten Barbier in deutscher Sprache aufgenommen hatte, sang Figaros Auftrittsarie ein Jahr später, beim vorliegenden Münchner Konzert am 10.2.1966, schon in der Originalsprache. Das Überwinden sprachlicher Barrieren, namentlich der zwischen München und Mailand, dürfte ihm indes leichter gefallen sein als der Abschied von den Ensembles in München und Wien, die unter fürsorglich-väterlichen Kapellmeistern wie Joseph Keilberth den Sängern ein künstlerisches Zuhause geboten hatten. Besonders hart traf ihn der Verlust seines Freundes Fritz Wunderlich, der wenige Wochen vor seinem Met-Debüt tödlich verunglückte.

Auf der Bühne hatte Prey viele Gesichter: Er war Graf und Kammerdiener, Stadtschreiber und Barbier, Liebhaber und Lyriker, Zar und Vogelfänger… Manche fanden auch, er sei ein Rattenfänger, weil er sich auch immer wieder im Fernsehen mit volkstümlichem Repertoire präsentierte. „Müssen Sie ihre goldene Stimme so versilbern?“, mahnte ihn einmal die Gattin des Bayerischen Minister-präsidenten Goppel. In seinem Buch „Premierenfieber“ (München 1983) hat Hermann Prey betont, dass er die Trennung zwischen Ernster und Unterhaltungs-Musik nie nachvollziehen konnte; er sei weder E- noch U-Sänger, sondern „eben ein EU-Sänger!“ Und als solcher hatte er immer den direkten Draht zum Publikum: Als Wolfram und Beckmesser in Bayreuth genauso wie als Figaro an der Mailänder Scala, als Publikumsliebling in Funk und Fernsehen genauso wie als Liedinterpret.

Popularität macht angreifbar. Und so musste sich Prey immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, dem „Mann auf der Straße“ nach dem Mund zu singen.

Gibt es ein besseres Argument gegen diesen Vorwurf als die Arbeit des Liedsängers Prey, seine enzyklopädische Lied-Edition auf Platten und all die Liederabende? Ein Sänger, der nur nach der Gunst des Publikums singt, hätte sich bestimmt nicht die Mühe gemacht, Hunderte von Liedern einzustudieren, die alles andere als populär sind, hätte nicht immer wieder Vergessenes und Verkanntes, mitunter auch Schwieriges und Zeitgenössisches vorgestellt. Der Liedsänger Prey rannte seinem Publikum nicht nach. Er forderte es, brachte es dazu, alte Hörgewohnheiten zu überprüfen und sich auf neue Erfahrungen einzulassen.

Zwei Liedzyklen hat Prey in seinen Erinnerungen ein besonderes Kapitel gewidmet: Schubert Winterreise und Beethovens An die ferne Geliebte. Auch aus persönlichen Gründen lag ihm Beethovens Zyklus sehr am Herzen: Es gab Zeiten, da ihn die Trennung von seiner Ehefrau stark belastete, und er fand den Trennungsschmerz und die Einsamkeit bei Beethoven „wunderbar in Töne umgesetzt“.

Als er den Zyklus 1988 mit Sawallisch im Münchner Prinzregententheater gab, hatte er sich schon Jahrzehnte mit dem Gehalt der Lieder auseinandergesetzt. Es ist ein Dokument künstlerischer Reifung und Entwicklung – und auch das Dokument einer außergewöhnlichen Partnerschaft. „Von Anfang an stimmte zwischen uns die ‚Chemie’“, erinnerte sich Sawallisch an die ersten gemeinsamen Konzerte, 1955/56 in Aachen, „Wir sprachen dieselbe musikalische Sprache, verständigten uns ohne viele Worte.“ Und was ihn beim Liedsänger Prey immer wieder beeindruckte: Dass er anklingen liess, was sich hinter der Fassade des scheinbar Leichten, Idyllischen oder Volkstümlichen verbarg. „Diesen Ton von tiefer Melancholie, ja Tragik, die selbst bei Schuberts „heitersten“ Liedern mitschwingt, den hat man bei ihm immer gehört. Ebenso die Ambivalenz von Resignation und Trotz, von Verzweiflung und Hoffnung in der Winterreise. Das hat mich immer sehr berührt. Und schon deshalb zähle ich unsere gemeinsamen Liederabende zu den Erfahrungen, für die ich besonders dankbar bin.“

Thomas Voigt © 2012