Thomas Voigt
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Fritz Wunderlich live on stage

 

Repertoire  Die Zauberflöte (München 1964), Don Giovanni (Wien 1963), Die Entführung aus dem Serail (Wien 1965), Der Barbier von Sevilla (Wien 1966), Capriccio (Wien 1964), Daphne (Wien 1964), Der Rosenkavalier (Wien 1966), Die Schweigsame Frau (München 1962)

Singers  Fritz Wunderlich, Anneliese Rothenberger, Karl Christian Kohn, Eberhard Wächter, Lucia Popp, Lisa Della Casa, Robert Kerns, Waldemar Kmentt, Walter Berry, Hilde Güden, Ingeborg Hallstein, Kurt Böhme 

Conductors  Fritz Rieger, Herbert von Karajan, Josef Krips, Karl Böhm, Georges Pretre, Rudolf Kempe, Heinz Wallberg

Live Recordings  1962-1966

Liner Notes  Thomas Voigt

CD  Deutsche Grammophon

Magische Momente: Wunderlich live on stage

„Die unmittelbare Wirkung des Gesanges dieses Künstlers ist so spontan, so goldrichtig, da können wir auf analytische Mikroskopie verzichten, uns gemütlich zurücklehnen und diese kraftvolle Mischung aus sonniger mediterraner Stimmqualität und einer mitteleuropäischen, musikalischen wie darstellerischen Intelligenz genießen, über die nur ein wahrhaft charismatischer Tenor verfügen kann. Unter all dem Beeindruckenden, was er erreicht hat, ist der Beweis, dass Mozart mit Direktheit und Klarheit dargebracht werden kann, ohne auf die interpretatorischen Raffinessen, die dieser Komponist fordert, verzichten zu müssen – und er zeigte einer ganzen Generation, dass Richard Strauss Tenöre mit keinen unüberwindbaren Herausforderungen konfrontiert, solange sie ihr Handwerk beherrschen“.

Was der Tenor Joseph Calleja über Fritz Wunderlich schrieb, kann man anhand der vorliegenden Live-Aufnahmen en detail nachhören. Auch wenn sich die Interpretation und Rezeption der großen Mozart-Opern durch die Aufführungspraxis der letzten 40 Jahre radikal verändert hat, wirken Wunderlichs Portraits des Tamino, Ottavio und Belmonte niemals „historisch“, geschweige denn „überholt“: Nach wie vor sind sie das Erste, was man jungen Sängern zum Rollenstudium empfehlen kann.

Und man kann sich lebhaft vorstellen, wie begeistert Richard Strauss gewesen wäre, wenn er Wunderlich in seinen Opern hätte erleben können: er ist die beste „Antwort“ auf das weit verbreitete Vorurteil, Strauss habe mit Tenören nicht viel anfangen können. Allerdings braucht es einen Wunderlich, um die besten Passagen dieser angeblich „undankbaren“ Partien zu magischen Momenten zu machen, etwa die Kantilene des Henry „Du süssester Engel, wie herrlich hast du geteufelt! Bald ist er geheilt von seinem Wahn.“ (Die Schweigsame Frau, Track 13) oder die erste Szene des Leukippos (Daphne, Track 11).

Zwei der hier dokumentierten Aufführungen werden bei Zeitzeugen nicht nur positive Erinnerungen auslösen. Die Inszenierung der Zauberflöte, die Harry Buckwitz 1964 im Nationaltheater München besorgte, wurde ausgebuht, und auch die Wiener Neu-Inszenierung von Rossinis Barbier stand unter keinem glücklichen Stern: Einmal mehr gab es heftigen Streit in der Frage „Original oder Übersetzung?“ Nachdem Herbert von Karajan während seiner Zeit als Künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper (1957-1964) das italienische Repertoire in Originalsprache hatte singen lassen, wollte Karajans Widersacher und Nachfolger Egon Hilbert wieder zurück zur deutschen Übersetzung – was nicht nur militante Karajan-Anhänger auf die Palme brachte. Man beschloß, beim ersten Satz der Neuinszenierung lautstark zu protestieren. Nun wollte es die Ironie der Stunde, dass die ersten Worte, die in der deutschen Version des Barbier zu hören sind, ausgerechnet die einzigen in Originalsprache sind: „Piano, pianissimo, redet kein Wort!“. Eva Wunderlich, die Witwe des Sängers, erinnert sich, dass es während der Premiere tatsächlich zu Störmanövern kam, die der Dirigent Karl Böhm prompt auf sich bezog: Offenbar saß ihm noch das Pfeifkonzert in den Knochen, mit dem man ihn zehn Jahre zuvor von seinem Direktorenposten vertrieben hatte, um den Platz für Karajan frei zu machen.

Wesentlich besser war die Stimmung in der Staatsoper bei der Premiere von Mozarts Entführung, wenn auch die Neuinszenierung von Werner Düggelin wenig Zustimmung fand. Doch sorgte Josef Krips, der damals führende Mozart-Dirigent, einmal mehr für die richtige Balance von Kammer- und Bühnenmusik, und über Wunderlichs Belmonte konnte man lesen: „Große Klasse… phänomenal gesungen“ (Der Express, 5.10.1965). Wie sehr Wunderlich an diesem Abend mit den Folgen einer Stauballergie zu kämpfen hatte, war anscheinend nicht aufgefallen (Tracks 14-16).

Dass Wunderlich sich nicht schade war, für Karajan die Mini-Partie des Jünglings in Die Frau ohne Schatten zu singen, dass er Wieland Wagner zuliebe die Nebenrolle des Narraboth in Salome stimmlich vergoldete, dass er und Lucia Popp die sonst eher beiläufige Sänger-Szene in Capriccio zum Show-Stopper machten (Track 10) – im Kapitel „Wunderlich in Wien“ sind das ebenso unvergessliche Momente wie Wunderlichs sensationelles Debüt als Palestrina (1964).

Von besonderer dokumentarischer Bedeutung sind die beiden Strauss-Szenen aus München: Bei der Rosenkavalier-Aufführung vom 26. Juli 1966 handelt es sich um das letzte Live-Dokument des Opernsängers Wunderlich. Und der Mitschnitt der Schweigsamen Frau aus dem Prinzregententheater hat die Traumbesetzung in diesem Stück festgehalten: Man kann sich die Szene Henry-Aminta nicht schöner vorstellen als in dieser Version mit Wunderlich und der wunderbaren Ingeborg Hallstein.

Thomas Voigt © 2010